191

Kritische Reflexion meiner Zug-, Bus- und Fahrradtour durch 25 Länder Europas

by Leonhard Helminger 16. Juni 2014 11:59

Angewandte Geographie mal anders: Ich widme mich mit meinem Beitrag einem Teilaspekt der Geographie, dem Raum und den Raumkonstruktionen im Geographieunterricht. Ich möchte mich auf den Raum als Kategorie der Sinneswahrnehmung beschränken. Meines Erachtens ist dies ein Aspekt von höchster Importanz, denn je nach Einstellung kann dies ein Zusammenleben fördern oder  auch erschweren. Ich möchte mich explizit den nord-, zentral- und südosteuropäischen Räumen widmen, denn im Sommer 2013 durchfuhr ich mit dem Fahrrad und mit Zug und Bus durch die Territorien dieser Länder (siehe Abbildung 1). Noch einen größeren Fokus werde ich auf  den südosteuropäischen Raum legen, da in Österreich zahlreiche Menschen sesshaft sind, die diesen Ländern abstammen.
Mit dieser Reise wollte ich mich sowohl physisch als auch psychisch an meine Grenzen herantasten. Meine Anschauung über den Südosteuropäischen Raum überdenken und auch unseres europäischen Erbes erleben.
Zusammengefasst fuhr ich, fast immer alleine, mehr als 6550 Kilometer in 55 Tagen mit dem Fahrrad durch Europa. Es war für mich die Tour der Gegensätze: an die vierzig Grad Celsius in Rumänien und Bulgarien, andererseits feuchte ein Grad Plus bei der Befahrung des „Stilfser Joch“.

 


Abbildung 1: Europakarte mit bereister Route. (Entwurf: HELMINGER, Quelle: stepmap.de 2013)

Ad hoc möchte ich den LeserINNEN meine absolvierte Route näher bringen:
Die Reise führte von Graz nach Slowenien, Ungarn und aus budgetären Gründen wieder zurück nach Graz. Dann unter anderem fuhr ich eine 300 Kilometer lange Etappe von Graz nach Lochen am See, meinem Heimatort.
Im Weiteren werde ich meine persönlichen Erfahrungen und meine Perzeption in Form eines Erfahrungsberichtes zum Ausdruck bringen. 
 Da persönliche Erfahrungen subjektiv sind, versuche ich abschließend noch ein paar wenige Thesen aus der Toleranzforschung einfließen zu lassen. 
Folglich fuhr ich in neun Tagen von Oberösterreich an das Schwarze Meer mit meinem Fahrrad „Hercules“ und 30 Kilogramm Gepäck, womit ein kleiner Lebenstraum in Erfüllung ging. Zur Fahrt zum Schwarzen Meer werden mir immer die heißen Temperaturen, die mir alles abverlangt haben, in Erinnerung bleiben. Aufgrund der zu geringen und falschen Ernährung waren oftmals 200-280 Kilometer „an“ der Grenze des Möglichen. An einem durchschnittlichen Tag musste ich bis zu 10.000 Kilokalorien zu mir nehmen, was mir jedoch vor Reiseantritt nicht bewusst war. Besonders in Ungarn waren die psychischen Ups und Downs in kurzen Abständen zu spüren. Durch die ungewohnte Umgebung, das Gefühl, mit dem „Anderssein“ nicht kommunizieren zu können, und durch die physischen Anstrengungen, fühlte ich mich in vielen Situationen total überfordert.
Die gefühlte endlose Weite mit geringer Reliefenergie in Ungarn wäre an sich eine attraktive Gegend, doch wenn man Stunden lang auf Schnellstraßen im Sekundentakt von LKWs und PKWs überholt wird, kann man nur schwer die gefühlte endlose Weite genießen.
Trotz allem hätte einiges schief laufen können. Ich habe mich nur schwer auf das kontinentale Klima Südost- Europas  und den damit verbundenen Temperaturen im Juli von 30-40 Grad zu Mittag und circa 10 Grad plus bei Nacht einstellen können. An einem heißen Tag in Rumänien musste ich bis zu 12 Liter Flüssigkeit zu mir nehmen.
Ein serbischer Mann, in der Nähe von Novi Sad (Abbildung 2), der mich nach einem spontanen Gespräch in einem ruralen Nahrungsmittelgeschäft zum Mittagessen einlud, sagte mir, ich solle mich glücklich schätzen, denn normalerweise sei es viel heißer zu dieser Jahreszeit.

 


Abbildung 2: Foto v. links n. rechts HELMINGER, MILES Vater und MILE mit Sohn nach einer spontanen Einladung zum Mittagessen. (Quelle: Handykamera HELMINGER 2013)

Nach 90 Stunden in 9 Tagen am Fahrrad kam ich in Constanta in Rumänien am Schwarzen Meer an. Durch den hohen Kalorienverbrauch verlor ich sieben Kilogramm Körpergewicht in neun Tagen.
Nach der Tour zum Schwarzen Meer war mein Körper stark angeschlagen- zu wenig hatte ich mich mit der Ernährung für solche Anforderungen auseinandergesetzt- umso mehr hat es mich gefreut meine Freundin, Familie und Freunde für ein paar Tage in der Heimat wiederzusehen. Sich in seinem gewohnten Umfeld zu erholen, war sicherlich ein zusätzlicher  positiver Faktor für meine physische, als auch geistige Erholung.
Dann ging es mit Fahrrad, Zug und Bus über Tschechien, Polen über die baltischen Staaten Richtung Skandinavien. Im Vordergrund stand nicht das Radfahren, sondern auch das Erleben neuer kultureller Eindrücke. Beispielsweise haben sich negative Klischees aus der Heimat über Polen ganz und gar nicht bewahrheitet. Ganz im Gegenteil: So lieh ich mir einmal die Kreditkarte eines polnischen Studenten, den ich erst am Tag zuvor kennengelernt hatte, da ich selbst auf meine eigene Karte keinen Zugriff hatte. In Estland ließ mich beispielsweise ein estnischer Bauer in seinem Schuppen übernachten, wofür ich ihm heute noch dankbar bin, da ich vom Rad fahren sehr erschöpft war.
Im Norden Europas (Finnland und Schweden)  waren die Menschen in ruralen Gebieten für kleine Dinge, wie Wegauskünfte sehr zuvorkommend, aber ich machte mit Einheimischen die Erfahrung, dass  sie  Menschen, die sie nur sporadisch kennen, ohne engerer Freundschaft, nur schwer Unterschlupf gewähren. 
Sie waren fast immer sehr freundlich, aber mit ihnen näher ins Gespräch zu kommen, erschien als extrem mühsam- das war in Südosteuropa in ländlichen Gebieten nicht der Fall! Andererseits genießt man in Skandinavien bei einem gut ausgebauten Radfahrnetz das Radfahren umso mehr und wenn man in ein Nahrungsmittelgeschäft mit gut Englisch sprechenden Angestellten in Kontakt kommt, erleichtert dies so einiges.
Von Skandinavien Richtung Heimat setzte  bis zu meiner Ankunft in Österreich immer wieder starker Regen ein. Einmal zählte ich sogar acht  Regentage in Folge. In solchen Momenten ist es enorm wichtig, dass man die ungünstigen Witterungsverhältnisse  akzeptiert und es annimmt so wie es kommt, denn sonst plagt man sich von einem psychischen Tief in das nächste.

Abschließend ein kurzes Fazit:
Mich fasziniert, dass ich es bewerkstelligt habe, meine durch die Erfahrung erworbenen Gewohnheiten zu überwinden (Zum Beispiel auf das oftmalige Benützen des Autos zu verzichten und stattdessen mit dem Fahrrad zu fahren). Ich bin mir bewusst, dass in unserer schnelllebigen Zeit Distanzen von 300 Kilometer aus zeitlichen und Interessensgründen nicht mit dem Fahrrad absolviert werden können. Distanzen bis zu 5 Kilometer hingegen hatte ich vor Antritt  meiner Reise aus reiner Bequemlichkeit bzw. ungünstigen Witterungsverhältnissen nicht  mit dem Fahrrad absolviert.

Darüber hinaus bin ich sehr dankbar dafür, dass ich durch diese Reise meine Vorurteile gegenüber Osteuropa bereinigen konnte.
Ich fühlte mich in den ersten Tagen im südosteuropäischen Raum im kulturellen Sinne besonders unwohl, daher  möchte ich meinen Aussagen auf den Grund gehen. Es sollen die Hintergründe von Intoleranz gegenüber anderen Ethnien charakterisiert werden. Natürlich handelt es sich um keine Hypothesen, sondern nur um einfache Vermutungen. Mein folgendes Fallbeispiel charakterisiert Intoleranz gegenüber anderen Ethnien. Das genannte Beispiel kann auf den  osteuropäischen Kulturraum transferiert werden.
Ich interessiere mich sehr für den interkulturellen Austausch verschiedener Ethnien, daher möchte ich eine Option von vielen nennen, wie Intoleranz entstehen kann.




Abbildung 3: Abänderung von Ursachen für Unterschiede zwischen Personen in Bezug auf Vorurteile, Diskriminierung und Toleranz gegenüber sozialen Gruppen- Die Sichtweise der Persönlichkeitspsychologie. (Quelle: Diskriminierung und Toleranz 2009)

Nun möchte ich noch kurz zur Raumkonstruktion Stellung nehmen. Aus Unannehmlichkeiten bzw. unangenehmen Erfahrungen aus der Vergangenheit gegenüber des „Andersseins“ resultieren zumeist generalisierte Einstellungen.
Abbildung 3 soll charakterisieren, dass eine Persönlichkeit X  generalisierte Einstellungen durch diverse Medien wahrnimmt. Diese  werden durch die Sinneseindrücke aufgenommen und in Folge besteht die Option, dass die Persönlichkeit X die generalisierten Einstellungen auf ganze Ethnien projiziert. Dazu ein einfach Beispiel: Man sieht fern und nimmt war, dass slawisch-stämmige Menschen in Österreich Kriminaldelikte begehen.
Man erwähnt medial gut benehmende Nicht-Österreicher nur in den seltensten Fällen, daher kann es für Persönlichkeit X ohne Selektionsgeschick den Anschein erwecken, dass slawisch  BürgerINNEN, die in Österreich sesshaft sind, generell gefährlich und strafanfälliger sind.
 Daraus könnte resultieren, dass man der Meinung ist, dass slawische Länder aufgrund ihrer Bewohner gefährlich sind und daher wird Persönlichkeit X diese Destinationen eher meiden. 
Meines Erachtens beruhten  meine generalisierten Einstellungen auf  medialen Sinneswahrnehmungen.
Im Weiteren soll man sich bewusst sein, dass kulturelles Verhalten ein Resultat erworbener Erfahrung ist- Kultur ist nicht von Geburt an Teil unseres Verhaltens. Es handelt sich um etwas durch die Erfahrung Programmiertes. Geht man davon aus, dass die Raumkonstuktion von jedem Individuum im Leben unterschiedlich erworben worden ist und je nach Erfahrung variiert, komme ich zum Schluss, dass nach meiner  philosophischen Perzeption, jeder Mensch nur eine Teilwahrheit von der universellen Wahrheit, falls es so eine gibt, wissen kann. Daher sollte man stets eine kritische Distanz zu sich selbst einnehmen und dies in den Fokus seines Bewusstseins rücken. Nur so ist bei Interaktionen mit Menschen, deren Wertvorstellung eine andere ist, ein fairer Umgang möglich. Man kann sich nie sicher sein, ob ein anderer Mensch im Recht oder Unrecht ist.
Summa summarum war meine Tour wirklich eine Erfahrung fürs Leben, die man jeder/jedem weiterempfehlen kann. Traut euch einfach etwas  zu, um die Welt einmal von einem anderen Blickwinkel zu erleben.
Ich wünschte, ihr hättet dieselben kulturellen Erfahrungen machen dürfen, dann würde der oder die ein oder andere sein Weltbild über den Südosten Europas überdenken.
Ich bin mir bewusst, dass einige unter uns der Kultur nicht so einen hohen Stellenwert zuschreiben, aber gebt dem „Anderssein“ eine Chance.

Tags:

Powered by BlogEngine.NET 2.5.0.6
Original Design by Laptop Geek, Adapted by onesoft